Strassenblockade Tag 1
Sonne, Sommer...Wasserwerfer

Heute haben die ersten Gruppen aus dem Lager Rostock (u.a. blockG8, campAG) mit den seit Monaten erprobten und einstudierten Strassenblockaden begonnen. Wir haben heute unsere Unterkunft gegen ca. 7 Uhr morgens verlassen, um gegen halb neun auf AktivistInnen und Demonstranten zu treffen und dies zu dokumentieren.
Es war ein nahezu unwirkliches, ja fast kitschiges Bild, das mir heute in den Feldern zwischen Rostock und Heiligendamm geboten wurde. Eigentlich ein Bild, das gar nicht mehr in unsere Zeit passt. Die Bilder erinnerten mich eher an die ersten Widerstandsbewegungen der späten 60er Jahre. Zwischendurch habe ich nicht wirklich mehr daran gedacht, warum wir eigentlich hier sind - viel zu schön und harmonisch war die Situationen.
Tausende Menschen schlenderten, von Vogelgezwitscher begleitet, in fünf riesigen Gruppen und vereinzelten Kleingruppen über die Strassen und Felder Mecklenburg Vorpommerns. Es war ein ruhiger Zug voller Menschen, die nichts anderes im Sinn hatten, als ein Zeichen des friedlichen Widerstands und Protests zu setzen. Aufgrund der Randalle und Ausschreitungen am Wochende ist dies natürlich nicht ganz so leicht vorstellbar, jedoch wäre mir nicht aufgefallen, dass es auch nur eine Person in diesen Menschentrauben gab, die es auf eine Konfrontation mit der Polizei angelegt hätte.
In den Camps wurde das Durchfliessen der Polizeiketten mit Hilfe der 5 Finger Taktik genauestens und ausführlich erprobt. Das Ziel dahinter ist, die Blöcke der Polizei soweit auszuzweiten, bis sich Löcher bilden, um durch diese durchzufliessen. Neben diesem Hauptziel wurde auch das Verhalten in wichtigen, spontanen Entscheidungssituationen geprobt, Sitz-, und Blockadetechniken vorgeführt und den Beteiligten, der richtige Umgang mit Medien und Justiz nähergebracht.
Anscheinend haben die Übungen im Vorfeld auch Früchte getragen, da die AktivistInnen sehr diszpliniert wirkten und neben Schlafsack und Zahnbürste noch ein konkretes Ziel im Gepäck hatten - vorzustossen nach Heiligendamm - und dies möglichst ohne Krawalle oder Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Nachdem ich ca. eine Stunde lang mit dem Trupp des gelben Fingers marschiert war, trafen wir das erste Mal auf die Polizei. Ein Weiterkommen war nicht mehr möglich, da die Polizei einen einigermassen festen Block gebildet hatte bzw. nach etwa zehn ruhigen Minuten, sind plötzlich einige Polizeitrupps auf Gruppen losgestürmt und haben sie eingekreist. Zunächst war auch alles noch friedlich und die Wanderer haben diese Situation reaktionslos akzeptiert. danach passierte etwas sehr verwunderndes.
Plötzlich wurden die Wasserwerfer aufgefahren und gestartet. Es gab, von mir aus gesehen keine Anzeichen, irgendeiner Aktion der eingekesselten Leute. Da mir einige Leute erzählten, dass nachdem sie mit dem Wasser in Berührung kamen, ein Brennen verspürten, vermute ich mal, dass es eine Wasser-Tränengasmischung war. Ich stand etwas abseits, nahe einer anderen Gruppe, als plötzlich pures Tränengas eingesetzt wurde. Dieses Spielchen ging ein paar Minuten lang, als die über uns kreisenden Polizeihelicopter plötzlich landeten - insgesamt sechs Stück. Hinter ihnen waren ein Trupp von ca. 10 Polizisten, mit scharfen Schäfferhunden, die wahrscheinlich sofort eingegriffen hätten, falls irgendeine Reaktion von den Blockierern ausgegangen wäre. Erstaunlicherweise eskalierte die Situation nicht, da selbst ich mir dachte, was dieses Einschüchterungsmanöver denn eigentlich soll. Eine derart absurde und unangebrachte Inszenierung von stumpfster Staatsgewalt habe ich noch nie erlebt.

Als die Verantwortlichen des Protestmarsches begannen nach dem Einsatzleiter zu fragen, kam zunächst keine Antwort. Nach einiger Zeit, war die Polizei noch immer nicht bereit, diesen Einsatz zu rechtfertigen und den Namen des Verantwortlichen zu nennen!!! Dieses Verhalten ist, meiner Meinung nach nicht rechtzufertigen. Auf gewaltlos protestierende Menschen, wenn auch nur mit sanften Waffen vorzugehen, lehne ich zutiefst ab.
NachNach 45 angespannten Minuten entspannte sich die Situation wieder. Die Polizei zog sich relativ schnell und unauffällig zurück und die Gruppen konnten ihre geplante Route wieder weiter fortsetzen.


